Ich bin René Prodell und möchte heute über etwas schreiben, das für meinen Alltag eine sehr große Bedeutung hat: Struktur. Vielleicht klingt Struktur für viele Menschen zunächst nach einem festen Plan, nach Terminen oder nach einer Liste, die man abarbeitet. Für mich bedeutet Struktur aber viel mehr. Sie gibt mir Sicherheit, Orientierung und hilft mir dabei, meinen Alltag zu verstehen. Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, kann ich mich darauf einstellen und fühle mich sicherer.
Ich brauche nicht deshalb Struktur, weil ich keine eigenen Entscheidungen treffen möchte. Im Gegenteil. Struktur hilft mir dabei, möglichst selbstständig zu sein. Wenn ich weiß, was passiert, muss ich nicht ständig fragen, was als Nächstes kommt. Ich kann mich an meiner Tagesstruktur orientieren und innerhalb dieses Rahmens eigene Entscheidungen treffen. Für mich gehören deshalb Struktur und Selbstbestimmung zusammen.
Was TEACCH für mich bedeutet
Ein wichtiger Bestandteil meiner Struktur ist der TEACCH-Ansatz. TEACCH ist ein Ansatz zur Unterstützung von Menschen im Autismus-Spektrum. Ein wichtiger Gedanke dabei ist, die Umgebung und den Alltag so zu gestalten, dass sie möglichst verständlich und übersichtlich sind.
Für mich bedeutet das ganz praktisch: Ich soll nicht nur hören, was passiert, sondern möglichst auch sehen und verstehen können, was als Nächstes kommt.
Dabei können beispielsweise Bilder, Symbole, Tagespläne oder ein Timer eingesetzt werden. In meinem Alltag können dafür auch METACOM-Symbole verwendet werden. Ein Symbol kann mir zeigen, welche Aktivität ansteht. Ein Tagesplan kann mir einen Überblick über meinen Tag geben. Ein Timer kann mir zeigen, wie lange etwas ungefähr dauert oder wann eine Aktivität zu Ende geht.
Das hört sich vielleicht einfach an. Für mich können solche Hilfsmittel aber einen großen Unterschied machen.
Warum mir sichtbare Informationen helfen
Wenn mir jemand nur sagt: „Später machen wir noch etwas anderes“, ist das für mich manchmal schwer einzuordnen. Wenn ich dagegen einen sichtbaren Plan habe, kann ich selbst nachschauen.
Ich sehe dann beispielsweise, was jetzt passiert, was danach kommt und wann eine Aktivität beendet ist.
Dadurch muss ich weniger im Kopf behalten.
Ich kann mich besser orientieren.
Und ich fühle mich sicherer.
Genau das ist für mich der Sinn einer guten Struktur: Sie soll meinen Alltag nicht komplizierter machen, sondern verständlicher.
Veränderungen können mich aus dem Konzept bringen
Ein besonders wichtiger Punkt bei mir sind ungeplante Veränderungen. Wenn etwas plötzlich anders läuft, als ich es erwartet habe, kann mich das schnell aus meinem Konzept bringen. Ich kann mich innerlich bereits auf einen bestimmten Ablauf eingestellt haben. Wenn dieser Ablauf dann plötzlich verändert wird, brauche ich manchmal Zeit, um die neue Situation zu verstehen und mich darauf einzustellen.
Das bedeutet nicht, dass ich grundsätzlich keine Veränderungen möchte. Es bedeutet vielmehr, dass ich Veränderungen manchmal anders verarbeite und dafür mehr Vorbereitung brauche.
Wenn beispielsweise ein Termin ausfällt oder eine Aktivität plötzlich nicht stattfinden kann, hilft es mir, wenn mir möglichst früh erklärt oder gezeigt wird, was stattdessen passiert. Eine Veränderung wird für mich dadurch verständlicher und weniger überraschend.
Der Timer hilft mir bei Übergängen
Auch der Timer ist für mich eine wichtige Unterstützung. Übergänge können schwierig sein, besonders wenn ich gerade etwas mache, das mir Freude macht.
Wenn ich beispielsweise am Computer bin, Musik höre oder mich mit einem meiner Projekte beschäftige, möchte ich nicht einfach plötzlich aufhören müssen.
Ein Timer kann mir helfen, mich darauf vorzubereiten.
Ich weiß dann: Meine Zeit ist noch nicht ganz vorbei, aber sie geht langsam zu Ende. So kann ich mich innerlich darauf einstellen, dass anschließend etwas anderes kommt.
Für mich ist der Timer deshalb nicht einfach nur eine Uhr. Er macht eine Veränderung vorhersehbarer.
Struktur bedeutet nicht Kontrolle
Manchmal könnte man denken, dass ein stark strukturierter Alltag bedeutet, dass andere Menschen alles bestimmen.
Für mich sollte das nicht so sein.
Eine gute Struktur ist für mich kein starres Korsett. Sie soll mir einen sicheren Rahmen geben, aber innerhalb dieses Rahmens möchte ich möglichst selbst entscheiden können.
Ich möchte selbst entscheiden, was ich in meiner Freizeit mache. Ich möchte fotografieren, Musik hören, am Computer arbeiten, spazieren gehen oder mich mit meinen kreativen Projekten beschäftigen. Auch diese Dinge gehören zu meinem Leben und damit auch in meine Struktur.
Wenn ich beispielsweise mehrere Möglichkeiten habe, kann mir eine visuelle Auswahl helfen, selbst zu entscheiden, was ich machen möchte.
Das ist für mich gelebte Selbstbestimmung.
Struktur kann Selbstständigkeit fördern
Für mich ist das ein ganz wichtiger Punkt: Struktur macht mich nicht automatisch abhängiger von anderen Menschen.
Eine passende Struktur kann mir sogar helfen, selbstständiger zu werden.
Wenn ich weiß, was als Nächstes kommt, kann ich mich darauf vorbereiten. Wenn ich Symbole verstehe, kann ich Informationen selbst abrufen. Wenn ich einen Timer bedienen kann, kann ich einen Übergang besser bewältigen.
Je mehr ich selbst aus meiner Struktur heraus verstehen und erledigen kann, desto weniger muss jemand anderes für mich übernehmen.
Deshalb sehe ich Struktur nicht als Zeichen dafür, dass ich etwas nicht kann.
Ich sehe sie als Werkzeug, das mir hilft, Dinge selbst zu können.
Wenn mir alles zu viel wird
Es gibt auch Situationen, in denen mein Alltag zu viel werden kann. Viele Informationen, unerwartete Veränderungen oder mehrere Dinge gleichzeitig können dazu führen, dass meine Anspannung steigt.
In solchen Situationen kann eine klare und ruhige Struktur besonders wichtig sein.
Dann brauche ich nicht unbedingt noch mehr Worte oder noch mehr Anforderungen. Manchmal brauche ich weniger Informationen, eine klare Orientierung und Zeit, um wieder Ruhe zu finden.
Eine gute Struktur kann dabei helfen, Überforderung möglichst früh zu erkennen und den Alltag wieder übersichtlicher zu machen.
Ich möchte mich nicht verstellen müssen
Mir ist außerdem wichtig, dass Struktur nicht bedeutet, dass ich meine Persönlichkeit verstecken oder mich ständig anpassen muss.
Ich möchte René sein.
Ich möchte meine Interessen haben.
Ich möchte mich freuen dürfen.
Ich möchte meine eigenen Ausdrucksformen haben.
Und ich möchte auch meine Art, Dinge zu erleben und zu verarbeiten, nicht ständig erklären oder rechtfertigen müssen.
Unterstützung sollte mir helfen, meinen Alltag zu bewältigen. Sie sollte nicht das Ziel haben, mich zu einem anderen Menschen zu machen.
Für mich bedeutet gute Unterstützung deshalb auch Akzeptanz.
Meine Struktur soll zu mir passen
Es gibt nicht die eine Struktur, die für jeden Menschen funktioniert.
Auch meine Struktur muss zu mir passen.
Es ist wichtig, gemeinsam zu schauen, welche Symbole ich gut verstehe, welche Informationen ich brauche und welche Form der Tagesplanung für mich übersichtlich ist. Manche Tage können anders aussehen als andere. Manchmal brauche ich mehr Struktur, manchmal kann ich mit mehr Freiheit umgehen.
Eine gute Struktur darf deshalb auch flexibel sein.
Sie soll mich unterstützen und nicht zusätzlich belasten.
Struktur gibt mir Sicherheit
Wenn ich über meinen Alltag nachdenke, wird mir immer wieder bewusst, wie viel Sicherheit mir eine verständliche Struktur gibt.
Ich weiß dann, was kommt.
Ich kann mich vorbereiten.
Ich kann mich orientieren.
Ich kann Übergänge besser bewältigen.
Und ich kann innerhalb meines Tages eigene Entscheidungen treffen.
Das gibt mir ein Gefühl von Kontrolle über meinen eigenen Alltag – nicht im Sinne von Kontrolle durch andere, sondern im Sinne von Selbstbestimmung.
Warum ich darüber schreibe
Ich schreibe darüber, weil ich mir wünsche, dass Menschen besser verstehen, warum Struktur für manche Menschen so wichtig sein kann.
Wenn jemand einen Tagesplan, Bilder, Symbole oder einen Timer braucht, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Person weniger selbstständig ist.
Manchmal ist genau das Gegenteil der Fall.
Die richtige Unterstützung kann dazu beitragen, dass ein Mensch mehr selbst machen kann.
Bei mir ist Struktur ein wichtiger Teil davon.
Ich möchte nicht, dass andere meinen Alltag komplett für mich planen. Ich möchte vielmehr eine verständliche Grundlage haben, auf der ich meinen Alltag möglichst selbst gestalten kann.
Mein persönlicher Blick auf TEACCH
Für mich ist der TEACCH-Ansatz deshalb keine theoretische Sache.
Ich erlebe die Idee dahinter ganz praktisch in meinem Alltag.
Ein sichtbarer Tagesplan hilft mir, den Tag zu verstehen.
METACOM-Symbole helfen mir, Informationen sichtbar zu machen.
Ein Timer hilft mir bei Übergängen.
Vorbereitung hilft mir bei Veränderungen.
Eine klare Struktur gibt mir Sicherheit.
Und die Möglichkeit, innerhalb dieser Struktur eigene Entscheidungen zu treffen, gibt mir Selbstbestimmung.
Ich brauche diese Unterstützung nicht, weil ich weniger Freiheit möchte.
Ich brauche sie, damit ich meine Freiheit besser nutzen kann.
Struktur ist für mich ein Stück Sicherheit
Ich weiß, dass mein Alltag nicht immer genau nach Plan laufen kann. Das Leben ist manchmal spontan und unvorhersehbar. Aber wenn ich einen verständlichen Rahmen habe, fällt es mir leichter, mit diesen Veränderungen umzugehen.
Deshalb wünsche ich mir, dass meine Struktur ernst genommen wird.
Nicht als starre Vorschrift.
Nicht als Kontrolle.
Sondern als Unterstützung.
Denn für mich bedeutet Struktur:
zu wissen, was kommt,
zu verstehen, was passiert,
Zeit für Veränderungen zu bekommen
und trotzdem selbst entscheiden zu können, wie ich meinen Alltag leben möchte.
Struktur nimmt mir nicht meine Freiheit.
Struktur gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um meine Freiheit leben zu können.
Das ist meine persönliche Erfahrung.
Das ist ein Teil meines Alltags.
Und das ist ein Teil von mir.



